Der Begriff „Pflegestelle“ – diesmal etwas genauer
betrachtet…….
Ich behaupte einmal, dass noch
vor 15 Jahren der Begriff „Pflegefamilie“ im
Tierschutz-Bereich so gut wie unbekannt war. Heute
hat man den Eindruck, dass es keinen Hund – speziell
aus dem Ausland – mehr gibt, der nicht bei einer
solchen Familie (oder allgemeiner: Stelle)
untergebracht ist.
Das Thema, was kann, darf und
sollte ich von eben dieser Familie erwarten, birgt
Konfliktpotential und ist sicher nicht dazu angetan,
sich Freunde unter den Lesern zu schaffen – sei`s
drum.
Auf Grund eines sehr aktuellen Falls möchte ich hier eine simple Strategie fahren: ich werde meine persönlichen Vorstellungen eines Pflegeplatzes (ob mit oder ohne Familie im Hintergrund) aufzeigen und schildere auch Dinge, die ich erlebt oder erzählt bekommen habe. Was prädestiniert eine Einzelperson oder Familie zur Aufnahme eines Pflegehundes?
Erfahrung:
Der wichtigste Aspekt bei dieser unter Umständen für
die Familie lebensprägenden Entscheidung sollte die
ausreichende Erfahrung im Umgang mit Hunden sein.
Das Wort Erfahrung ist relativ und jemand,
der in seinem Leben drei völlig unkomplizierte Hunde
von Welpenbeinen an gehalten hat, wird sich selber
als erfahrenen Hundehalter bezeichnen. Hat es sich bei den bisherigen
Tieren jedoch um freundliche kleine Chihuahuas
gehandelt und strebt der Halter nun nach höherem, so
dürfte er im Bereich der Augenjäger (wie z.B.
Podencos), der Herdenschutzhunde (z.B. Kangal oder
Maremmano) oder der grossen Familie der Terrier
(American Stafordshire Terrier oder Jack Russell
Terrier) völlig unerfahren sein und mit dem
Verhalten dieser Hunde unter Umständen auch
überfordert werden. Wenn wir von der Erfahrung eines
Pflegeplatzes reden, sollten übergeordnete Dinge
bekannt sein, die meiner Meinung nach NUR im
persönlichen Gespräch vor Ort geklärt und dabei
schriftlich fixiert werden können. Wissen die Pflegestellen-Bewerber
um die Rassen-Eigenschaften und damit verbundenen
Risiken der evtl. ausgesuchten potentiellen
Pfleglinge? (Jagdhunde neben einer Hühnervoliere,
Huskies zusammen mit Katzen etc.) Hat die
Person Ahnung von den einfachsten Dingen im
gesundheitlichen Bereich? (Körpertemperatur eines
Hundes, Gefahr einer Magendrehung bei Fehlfütterung,
Einsicht in Wurmkuren und Impfungen, Behandlung bei
penetranten Durchfällen aller Art, Krallenabriss
usw.) Was passiert durch die
Pflegefamilie bei leinenaggressiven Hunden?
(Situation durchspielen lassen) Wird der Hund in
seinem gezeigten Verhalten verstärkt (durch z.B.
ängstliches Zurückreissen des Bellenden) Gibt es die
Wahrscheinlichkeit, dass die Pflegeperson mit Hilfe
eines Trainers Fehlverhalten abtrainiert? Wäre
Motivation für Training in einer Hundeschule
vorhanden?
Umfeld – innen und aussen:
Wie klein sind die Kinder in der Pflegestelle? Wie
erzogen (oder unerzogen) präsentieren sich diese?
Haben sie Angst vor fremden Hunden? (eigenen – wenn
möglich – grossen Hund zum Besuch mitnehmen) Gibt es von der Grösse der
Wohnung oder des Hauses her Rückzugsmöglichkeiten
für ein nach einem Flug oder sonstigem Transport
angekommenes Tier? Wie wichtig sind den Bewerbern um
die Pflegestelle die Möbel und Tapeten sowie die
Fussböden? Werden abgefressene oder zerkratzte
Tapeten als Malheur oder sofortiger Abgabegrund
eingestuft? Darf der Hund nicht zu stoppende
Durchfälle haben (Giardien) oder sind alle im Haus
lebenden Personen dann
zutiefst angeekelt und fordern die Abholung des
Tieres? Was passiert, wenn der Hund nicht stubenrein
ist? Besteht Erfahrung im sehr zeitintensiven
Training, bei dem ein direkter Gartenzugang von
unschätzbarem Wert ist? Ist ein evtl. vorhandener Garten
auch für ängstliche Hunde geeignet? (Hundesicher,
also hoch (!) und dicht eingezäunt). Gibt es
womöglich einen Zwinger auf dem Grundstück?
(Achtung!) Haben die Nachbarn freihoppelnde
Kaninchen und Hühner und ein Husky soll demnächst
einziehen? (Holldrioh – die Jagd beginnt!) Gibt es
nur eine einzige Gartentür nach draussen und diese
mündet direkt auf eine vielbefahrene Strasse? Sehen
die Erwachsenen das Risiko der offenen Gartentüren
bei Kindern im Haus? Wäre die Pflegestelle bereit,
einen Tür-Zudrücker zu montieren oder gar einen
Doppelfang mit zweitem Innentor zu bauen? Liegen im Garten ein Haufen altes
Spielzeug, viel Gartengerät - oder schlimmer –
Glasscherben und zerbrochene Blumentöpfe herum?
Macht alles einen chaotischen Eindruck?
(Verletzungsgefahr für Hunde, lockere Einstellung zu
Gefahrenquellen!) Ist jemals ein Tier der Familie
weggelaufen oder gar überfahren worden?
(schriftliche Aussage dazu geben lassen!) Wie ist
die Einstellung zu Anbindevorrichtungen oder
Zwingern? Lebte ein Hund bereits an einer Kette?
Oder im Schuppen oder Keller? (schriftliche Aussage
dazu!)
Dauer und Zeitvorgaben der Pflegestelle:
Wird die Übernahme eines wildfremden Hundes als
Möglichkeit betrachtet, dem langweiligen Alltag
etwas mehr Abwechslung zu geben?
Ist sich die
Stelle darüber im Klaren, das NIEMAND vorhersagen
kann, wie lange ein Hund in einer Pflegestelle leben
muss/kann/darf? Wäre die Familie bereit, einen
Pflegehund über Monate und Jahre zu beherbergen?
Was wäre bei geplanten Urlauben?
Könnte der Hund mitkommen? Gäbe es eine Person, die
der Hund bereits kennt und die erfahren in der
Betreuung ist und einhüten würde? Ist die
Pflegestelle bereit, einen Hund weiterzureichen, nur
um die eigenen Wünsche (Reisen, Feste) in den
Vordergrund zu stellen? Wie wird der Wechsel des
Umfeldes für einen Vermittlungshund durch die
Pflegenden bewertet?
Sehen die Personen, welchem Stress ein Hund durch
Umfeld-Veränderungen ausgesetzt ist? (schriftliche
Aussage machen lassen) Bei Berufstätigkeit: Wie lange
muss der Hund alleine bleiben? (Anfahrtszeiten
zur Arbeitsstelle /Staus mit einkalkulieren!)
Was würde bei
Trennungsängsten des Hundes unternommen werden? Ist
die Motivation vorhanden, Urlaub für den Hund zur
Eingewöhnung zu nehmen oder ist dieser
ausschliesslich für die Familie und Reisen
vorbehalten? Betrachtet man von Anfang an die
Übernahme eines Hundes als zeitlich begrenzte
Spanne?
(schriftliche Notiz!)
Rahmenbedingungen:
Ist die Familie finanziell in der Lage, den Hund
artgerecht
und abwechslungsreich zu ernähren? (Bei
Vegetariern nachfragen,
ob man ggf. bereit wäre, Fleisch für den Hund zu
verarbeiten) Ist der Begriff BARF bekannt?
Besteht Ekel vor Pansen oder anderem Frischfleisch?
Wie ist die Motivation, Dinge wie Entwurmungen,
Impfungen (bei langem Aufenthalt) und kleine
Verletzungen aus eigner Tasche zu bezahlen?
(schriftliche Abmachung – ganz wichtig) Ist man
bereit, den Verein oder die Vermittler zu
kontaktieren, wenn grössere Unfälle passiert sind
und ein Tierarzt-Besuch vonnöten ist?
Unbedingt ALLE finanziellen Dinge SCHRIFTLICH
und im Vorfeld absprechen, durchspielen und
fixieren! Es muss aber auch die letzte
Variante an finanziellen Investitionen geregelt
sein. Möchte die Familie jeden investierten Cent
ersetzt haben?
Gibt es bereits Hundelager und Decken, die
sauber und gut platziert auf einen neuen Bewohner
warten? Sind
in freudiger Erwartung schon Näpfe vorhanden und
warten auf eine gute Füllung? Wer wird den Hund
versichern? Wer trägt die alleinigen/halbierten
Kosten dafür?
Muss der Hund versteuert werden? (Je nach
Aufenthalt und Gemeinde unterschiedlich) Sind die neuen Halter sportlich?
Gibt es Hinweise auf praktisches Schuhwerk oder
stehen überwiegend zierliche Pumps herum?
Im Gespräch kann viel über Aktivitäten in der
Natur in Erfahrung gebracht werden. Klare Vorgaben
machen, wie oft der Hund mindestens spazieren gehen
muss. („Ich wusste gar nicht, dass ein Hund täglich
laufen muss“ kann sonst als Bemerkung kommen….) Gibt es Nachbarn und wenn ja, welche? Wohnen diese im Mehrfamilienhaus oder in Einzelhäusern (Bellverhalten eines Hundes!) Gab es in der Vergangenheit Streit wegen Lärmbelästigung? Was wäre, wenn ein Hund sich angewöhnt, auf Grund nicht vorhandener fester Regeln seinen Willen „durchzubellen“? Wäre die Pflegefamilie bereit, sich beraten zu lassen oder evtl. eigenständig Hilfe zu holen? (siehe oben: Motivation in punkto Hundeschule)
Menschliches Miteinander:
Sind sich die Pflegewilligen und die „Betreuer“
(Mitglied des Vereins oder auch Privat-Vermittler,
Ansprechpartner) sympathisch?
Mag man selber, wenn der zu vermittelnde Hund
in der Pflegestelle wohnt, persönliche Kontakte oder
auch per Telefon?
Kann man die Leute
gut leiden und versucht nicht, den Kontakt so gering
wie möglich zu halten? Hat man selber (als
Ansprechpartner der Pflegenden) ein gutes
Bauchgefühl? Wird hier umsichtig, besorgt und
liebevoll einem Tier in Not geholfen? Kann man sich
Reibungspunkte im Vorfeld vorstellen? (dann
unbedingt darüber reden, Vereinbarungen schriftlich
fixieren!) Ist man selber bereit, die
Pflegestelle zu loben, zu motivieren und auch zu
besuchen/kontrollieren? Bei einem ehrlich gedachten
„nein“ lieber die Finger davon lassen!
****** Ich könnte die Anforderungen und
möglichen Reibungspunkte zwischen Vermittlern und
Pflegenden endlos ausbreiten, meiner Phantasie sind
dabei keinerlei Grenzen gesetzt. Dieser Umstand
rührt daher, dass in den Zeiten, als ich noch in
sog. Verteilern angemeldet war und täglich etwa 20 –
30 weitergeleitete Hilferufe bekam (die Hunderte
andere Empfänger natürlich auch erhielten), jeder
zweite Hilferuf damit begann: „Dringend neue
Pflegestelle gesucht! Hund muss sofort weg, weil………“ Damals fragte ich mich immer, wie
es möglich sei, dass so viele falsche Leute
ausgesucht wurden. Ich fragte mich auch, wie es
möglich sei, dass nicht jeder Hund mindestens EINEN
freien Pflegeplatz im Hintergrund für den Fall der
Fälle hatte, um blitzschnell umgesetzt werden zu
können.
Heute habe ich Erfahrung in
diesen Dingen und weiss leider, wie die Realität
aussieht: Die Pflegestellen, die sich um einen Hund
bewerben, werden schlicht und ergreifend nicht
überprüft. Sie melden sich bei einem Verein oder
auch einer privaten Vermittlung, sie schauen sich
einen Hund per Foto im Internet aus, sie holen den
Hund selber am Flughafen oder an einer
Autobahn-Raststätte ab (manche Vermittler liefern
die Hunde an, um das dann Vorkontrolle zu nennen –
ohne eine Ersatzstelle in der Hinterhand zu haben
wohlgemerkt…) und los geht das Abenteuer. Häufig
sind das dann die Wurzeln für die andere Art der
Hilferufe: „Achtung, total scheuer Hund auf
Flughafen entlaufen/ an der Autobahn entlaufen“ usw. Unerfahrene, nicht überprüfte,
nicht eingewiesene Menschen bekommen einen zu Tode
verängstigten Hund direkt aus einer Tötung oder
einer Massenhaltung nach langem Transport, angefüllt
bis zum Bersten mit Stress-Hormonen und wollen dann
das Kapitel „Hund in Familie“ zu leben beginnen. Das
so etwas nicht klappen kann, zeigen die vielen
überforderten Pflegestellen, die vielen Hilferufe in
den Verteilern, die ständigen Umplatzierungen der
Tiere und die am Ende der Kette stehenden neuen
Halter, die ein völlig anderes Tier als das zuvor
beschriebene bei sich zu Hause erleben.
Ich würde mir wünschen, dass
nicht der Gedanke der Massenrettung von Tieren das
Handeln der Vereine bestimmen würde, sondern die
kleine, aber feine Arbeit mit gut trainierten, in
akzeptablen Rahmenbedingungen lebenden
Pflegestellen, die nur eine sehr begrenzte Anzahl
von Hunden beherbergen und diese versiert und mit
viel Ruhe und Kenntnis auf das spätere Leben als
Familienhund vorbereiten. Der Ruf der Auslandshunde hat in
den letzten zehn Jahren erheblich gelitten. Galten
sie früher alle als freundlich und nett, haben
inzwischen viele Menschen Erfahrungen mit
stresserfüllten, verängstigen und der Enge in den
Städten nicht gewachsenen Hunden gemacht und diese
natürlich über die Medien oder von Mensch zu Mensch
persönlich weiter verbreitet. Nicht die Hunde sind
anders oder gar weniger nett geworden, sondern
lediglich die Masse der hierher eingeführten und
dann häufig sehr schlecht untergebrachten Tiere hat
den Wandel herbei geführt. Ein bereits gestresster
Hund in einer Etagenwohnung mit vielen
Familienmitgliedern um sich herum ohne
Rückzugsmöglichkeit und Ruhe – was soll aus diesem
Tier werden? Wer soll so einen Hund als Bereicherung
für seine eigene Familie adoptieren?
Verschiedentlich geistern
Hundegesuche mit Foto durch das Internet. Dann haben
sog. Pflegestellen die Hunde selber schnell in
klingende Münze verwandelt und verweigern jede
Auskunft zum Verbleib der Tiere. Oder aber
Pflegestellen führen in Vertretung der
ursprünglichen Vermittler eingenommene
Schutzgebühren nicht weiter ab, sondern haben auf
einmal das Gefühl, ihnen allein stünde das Geld als
eine Art Bezahlung zu, da der Hund ja diesen oder
jenen Schaden angerichtet hat oder sonstige
Extra-Betreuung erforderte. Es gibt eigentlich im
Verhältnis Vermittler-zeitweise Betreuer nichts, was
es nicht gibt und was nicht schon dagewesen wäre. Da
helfen nur präzise bedachte und korrekt ausgefüllte
und unterzeichnete Verträge, die die Klärung vor
Gericht dann nicht zu lange dauern lassen…. Mein persönliches Fazit: Ich
arbeite nur dann mit Pflegestellen zusammen, wenn
mir die Leute persönlich bekannt sind und in meiner
Nähe wohnen (wie z.B. im Fall von Leon). Unter
diesen Vorzeichen besteht die Möglichkeit, die
Entwicklung des Hundes selber zu verfolgen und
einzuschätzen und im Falle einer falschen Richtung
(Hund zeigt starke Stress-Symptome, Hund ist
plötzlich leinenaggressiv, Hund frisst nicht mehr
etc.) helfend einzugreifen und den Hund hierher zu
holen. Natürlich weiss ich, dass es
Ideal-Voraussetzungen sind, aber da wäre ich wieder
beim Thema und meinem Grundsatz: Weniger ist oft
mehr!
Und sollte hier der Eindruck
entstehen, ich würde Pflegestellen allgemein als das
schlechte Glied in der langen Kette bis zu einer
zufriedenstellenden Adoption verteufeln, so ist das
falsch. Es gibt Vereine, die sich nach Übergabe des
Hundes in eine Pflegestelle plötzlich aus der
Verantwortung stehlen. Vorher (oftmals leider nur
mündlich) gemachte Zusagen in Bezug auf Übernahme
von Tierarztkosten verhallen ungehört, Mitglieder
des Vereins (oder auch private Vermittler) gehen
nicht mehr ans Telefon, mails bleiben unbeantwortet
usw. Es gibt die Vereine, die Hunde in ihren
Pflegestellen gerne „vergessen“ und fast schon als
vermittelt betrachten. „Nur nicht dran rühren – der
Hund ist ja in Sicherheit!“ Nur – wie bereits
erwähnt – sollte eine Pflegestelle immer betreut
werden und nicht mit Freud oder gar Leid alleine
gelassen werden. Ich denke, dieser Text bietet
sicher für einige Vereine oder auch private
Vermittler genügend Anregungen, die bisherige Praxis
in punkto Pflegestellen noch einmal kritisch zu
überdenken. Allen
guten und bemühten, gewissenhaften und
verantwortungsvollen
Pflegestellen sei einmal an dieser Stelle ein
tiefes DANKE gesagt!
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