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Wie neu geboren – gleich zwei mal......
Sehr gerne lese ich in Erziehungsbüchern den Hinweis, bei
bestehenden Problemen abklären zu lassen, ob der Hund eventuell
erkrankt ist und dadurch Schmerzen hat. Ein salomonischer Rat! Doch
wie klärt man das im Alltag?
Besuch beim Tierarzt: Guten Tag, mein Hund beißt, könnten Sie bitte
einmal schauen, ob er Schmerzen hat? Spätestens dann reibt der
geschäftstüchtige Tierarzt seine Hände und beginnt fix, vor seinem
geistigen Auge das Programm zur Schmerzfindung zusammen zu stellen.
Sollte jemand wirklich so naiv sein, zu glauben, diese Lösung könne
Abhilfe schaffen, so wird er in der Regel viele Hundert Euro ärmer
und sein Hund weiterhin bissig oder was auch immer sein.....
In unserem ganz persönlichen Fall allerdings traf der Umstand des
durch Schmerzen behinderten Tieres zu. Lassen Sie sich berichten:
Fall 1 – Emil:
Unser Emil ist ein jetzt 11 jähriger Terrier-Mix, der als 1jähriger
Junghund ins Hundshuus kam und – wohl auch in Ermangelung des
Internets – damals nicht EINE Nachfrage hatte. Die Frage, wer für
diesen Hund geeignet sei, stellte sich also nicht! Trotz Aushängen
und zahlreichen Zeitungsanzeigen: Emil blieb unvermittelbar und nach
einer angemessenen Zeit durfte er den Schritt vom „Zwischenlager“
(dem Hundetrockenraum vor der Küchentür) in die Küche vollziehen,
was einer Adoption gleichkam.
Besagter Emil, schmerzempfindlich bis zur Hysterie, geriet beim
Schlendern unter Bäumen in ein Stachelschein. Wohlgemerkt in Canada.
Diese Schweine sind wehrhaft, sehr langsam und haben die Tendenz,
ihre Feinde mit ihrem Schwanz auszupeitschen. Dabei lösen sich ihre
Stacheln, bis zu 6 cm lange, sehr harte Waffen, die an ihrer Spitze
einen Widerhaken haben, der ein Abziehen aus dem gepeitschten Tier
schier unmöglich macht. Außerdem sind die Stacheln geschuppt und
arbeiten sich mit jeder Muskelbewegung mehr in die Körper ihrer
Feinde hinein.
Emil nun geriet an eines dieser Tiere und wurde derart gespickt,
dass er wahnsinnig vor Schreck und Schmerzen sich schreiend wälzte.
Ein weiterer Grund für die Stacheln, blitzschnell in die Muskulatur
zu wandern. Bis Emil narkotisiert und operationsbereit auf unserem
Küchentisch lag, verging eine Weile, die eigentliche OP dauerte fast
zwei Stunden.

Ich holte Hunderte von Stacheln aus dem armen Tier, öffnete, zog mit
Zangen und Pinzetten, schnitt neben Nervenbahnen und Gelenken und
dachte nach unendlich erscheinender Zeit, alle Stacheln entfernt zu
haben. Eine letzte Tastprobe ergab mindestens vier Teile tief unten
im Schultergelenksbereich und ich entschied mich für die Fahrt zum
Tierarzt. Ich kündigte unser Kommen mit dem narkotisierten Hund an,
die Fahrt selber ist nicht wie in Europa schnell um die Ecke.
Als Emil also endlich – bereits wie ein Schweizer Käse durch die
vielen Schnitte und Nähte aussehend – erneut operiert wurde, fanden
wir zusammen mit Hilfe des Ultraschalls weitere 10 Stacheln. Eine
Gelenkseröffnung konnte zum Glück vermieden werden, aber es waren
starke Muskeldurchtrennungen nötig, um die Biester zu greifen.
Ich hielt den armen Emil mit Hilfe von Schmerzmitteln bei Laune, zum
Zeitpunkt des Fäden-ziehens erschien er mir fast wieder wie der
Alte.
Die Jahre vergingen, inzwischen wieder in Europa angekommen,
veränderte sich unser Emil. Ich schob es auf das Alter.
Eine Eigenart war seine auffällige Abneigung gegen Futter. Er tanzte
und jammerte um den Napf herum, frass aber nur nach massiver
Aufforderung. Ich vermutete einen Stachel, der durch den Körper
wandernd sein Unwesen trieb. Emil bekam einen halshohen Fressklotz,
auf dem er ohne Beugung fressen konnte. Keine Verbesserung! Eine
lange Zeit später streichelte ich abwesend beim Lesen unseren Emil
und schrie vor Schmerzen auf! Ich hatte genau in einen halb
ausgetretenen Stachelschwein-Stachel gegriffen und konnte diesen mit
einer guten chirurgischen Pinzette jetzt mit einiger Kraft
entfernen. Emil wirkte gestresst und erschöpft und ich war also nun
sicher, dass seine Beschwerden auf diesen Stachel zurück zu führen
gewesen waren.
Aber eine Verbesserung seines Verhaltens trat nicht ein. Emil wurde
geröntgt – kein Befund!
Was also tun? Er bekam entzündungshemmende Schmerzmittel – kein
Erfolg. Als dieser Zustand über Jahre hinweg anhielt, keine
nachweisbaren Befunde vorlagen –kamen wir zu dem Schluss, dass
offensichtlich irreparable Schäden entstanden waren, mit denen unser
Hund leben müsste.
Um diese lange Geschichte kurz zu machen: Vor einer Woche fasste ich
äußerst schmerzhaft bei dem Versuch in einen Stachel, ein sog.
Vet-Bed, eine kuschelige Hundeunterlage, in die Waschmaschine zu
drücken. Emil hat innerhalb von drei Jahren seit dem Vorfall sechs
lange und dicke Stacheln an allen erdenklichen Stellen seines
Körpers verloren und ist seit dem letzten Stachelverlust vor einigen
Wochen ein neuer Hund! Er krümmt sich wieder zum Schlafen, er frisst
mit Begeisterung, er fängt Stöcke und stänkert mit den anderen
Hunden. Er ist wie neu geboren und hat eine ungeahnte Lebensqualität
erreicht!
Fall 2 –Jule:
Im Sommer des Jahres 2006 fing ich unter großen Schwierigkeiten eine
Kleinfamilie der Gattung Zwergenhund in einem Vorort unserer
Kreisstadt ein. Die Mutterhündin war den Bewohnern viele Monate
aufgefallen, besonders – wie man im Nachhinein wusste – im Winter,
wo sie offensichtlich überlebte, weil sie sich die gelben
Wertstoffsäcke aufriss, um von den Überresten in Dosen und Bechern
zu ernähren.
Die äußerst bissige und scheue Hündin brachte dann im Frühjahr unter
einem Holzhaufen in atemberaubender Tiefe einen Wurf Welpen zur
Welt, der auf meine Bitte hin durch freundliche Nachbarn ab ca. der
vierten Woche angefüttert wurde.
Jule, wie die Hündin getauft wurde, wurde zahmer und so gelang es,
ihre scheuen Kinder und sie per Trick 17 eines Tages einzufangen und
ins Hundshuus umzusiedeln.

Hier verlebten alle unbeschwerte Monate bei herrlichem Wetter im
großen vorhandenen Hunderudel , wurden langsam zutraulicher und zwei
der insgesamt drei Welpen zogen nach etwa vier Monaten in ihr
eigenes Zuhause um.
Der kleine Seppel, der eigentlich als erster adoptiert und wieder
abgesagt wurde, und seine Mutter Jule blieben zurück und zogen in
das Wohnhaus mit ein.
Jules Alter war uns unbekannt, und obwohl aus der ausgemergelten
klapperdürren Hündin mit Ziegenhaaren inzwischen eine moppelige
Hündin mit dichtem und fast chinchilla-artigem Fell geworden war,
war eine Schätzung sehr schwer. Jule war träge, kam eigentlich nur
in Schwung, wenn sie Katzenfährten verfolgen konnte und lag sonst
oft stundenlang ohne Regung in einem Körbchen und schlief. Ich
wollte mir eine endgültige Klarheit bei ihrer Kastration
verschaffen, wenn ihre Gebärmutter Auskunft über vorherige Würfe
etc. geben konnte.
Seppel, Jules Sohn, kam in das Alter, in dem er kastriert wurde und
zeitgleich kam seine Mutter mit zum Tierarzt, der ich vor ihrer
eigenen Kastration erst die Zähne reinigen lassen wollte, da sie
entzündliche Taschen im Zahnfleisch hatte. Diese Bakterien sollten
nicht weiter in ihrem Körper wandern und die Heilung nach der
Kastration gefährden.
Alles verlief routinemäßig, bis an einem der Zähne eine kleine harte
Unebenheit zu fühlen war. Mit sehr viel Geschick und einer sehr
spitzen Pinzette gelang es endlich, diese Sache zu greifen.
Und was dann zum Vorschein kam, verschlug uns allen den Atem. Ein
etwa 1cm langer und mindestens 5 mm breiter Kunststoffsplitter wurde
zwischen Schleimhaut und Zahn entfernt. Dieses Teil war ein
pfeilfömig messerscharfes Stück Hartplastik eines Jogurtbechers, der
seit Jules entbehrungsreichem Winter dort bereits verankert sein
musste.
Die Vorstellung, welchen Schmerzen diese Hündin täglich ausgesetzt
war, ließ alle Anwesenden schaudern.
Jule schlief ihre Narkose aus, erwachte und.....: Sie spielte mit
Seppel! Sie tobte und turnte, sie rannte im Garten, sie bellte
morgens zur Begrüßung, sie warf Bälle in die Luft und war ein total
veränderter Hund – wie neu geboren!
Und die Kastration brachte es an den Tag: wahrscheinlich waren die
drei Zwerge ihr erster Wurf und sie selber wird höchstens drei
Jahre, eher allerdings zwei Jahre jung sein.
Diese beiden tragischen Fälle von jahrelanger Pein kamen nur durch
Zufall zu einem glücklichen Ende.
Und wenn ich nun in Zukunft in einem Buch lesen werde: Klären sie
ab, ob ihr Hund Schmerzen hat....dann werde ich zwar weiterhin
schmunzeln, aber immer an Jule und Emil denken.
Achten Sie gut auf Ihre Hunde.....!
Birgit Schmidt
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